Warum viele Meetings scheitern
In meinem Podcast sprach ich vor kurzem mit Birgit Nieschalk. Ein Teil des Gesprächs ist mir noch lange in Erinnerung geblieben. Birgit erzählte mir von dem Moment, der alles verändert hat.
Sie öffnete die Tür, trat in einen Raum – und blieb stehen. Dreißig Menschen bewegten sich durcheinander, redeten, tauschten Zettel aus, schrieben Ideen auf. Es herrschte kein Chaos, sondern Energie. Kein langweiliges Meeting, sondern effiziente Zusammenarbeit.
Das war das erste Mal, dass Birgit Liberating Structures erlebte: 25/10 Crowd Sourcing. In nur 15 Minuten entstanden so viele Ideen, wie es Menschen im Raum gab. Gemeinsam, strukturiert und ohne gelangweilte Gesichter.
In diesem Blog soll es um diese Strukturen gehen, um Liberating Structures und wie man es schafft, dass alle Personen ein einem Meeting aktiv mitdenken und der Redefluss nicht von ein paar Menschen dominiert wird.
Wenn Du noch weitere persönliche Erfahrungen und Herausforderungen mit Liberating Structures hören möchtest, lade ich Dich herzlich dazu ein, in meinen Podcast mit Birgit reinzuhören. Ich bin mir sicher, dass du wertvolle Impulse für Dich mitnehmen wirst.
Was sind Liberating Structures?
Erstmal sollte die Frage geklärt werden, was sind Liberating Structures (LS)? Liberating Structures sind ein Repertoire von über 30 Mikro-Formaten, erfunden von Henri Lipmanowicz und Keith McCandless. Ziel: Gruppenprozesse so zu gestalten, dass jede Stimme gehört wird, ohne dass professionelle oder komplexe Moderation nötig ist.
Statt Starre oder völlige Offenheit nutzen sie kleine, klar definierte Schritte, die Beteiligung systematisch verteilen, von der Einzelreflexion über Kleingruppen bis hin zum Plenum.
„Liberating Structures inject tiny shifts in the way we meet, plan, decide and relate to one another.“ liberatingstructures.com
Die LS-Community spricht von einem „Werkzeugset“ für lebendige Meetings, das mit einfachen Regeln große Wirkung entfalten kann.
Die 5 zentralen Gestaltungs-Elemente
Damit Liberating Structures gelingen, helfen dir fünf Bausteine:
Einladung
Formuliere eine gute Frage oder Herausforderung offen, relevant und motivierend.
Verteilung der Beteiligung
Plane, wer, wann, mit wem spricht (z. B. Paare, Vierergruppen, Plenum). So dominieren nicht nur die lautesten Personen.
Raum & Anordnung
Sitzordnung, Stehen vs. Sitzen, solche Aspekte beeinflussen die Dynamik und Stimmung.
Zeitrahmen
Jede Phase hat eine klare Zeitspanne (z. B. 1, 2, 4, 5 Minuten). Dadurch bleibt der Ablauf fokussiert und kompakt.
Ablauf & Materialien
Jeder Schritt ist klar definiert, was zu tun ist, wie viele Personen beteiligt sind, mit welchen Hilfsmitteln (Zettel, Flipchart etc.).
Wenn du diese fünf Elemente verstanden hast, kannst du fast jede Liberating Structure adaptieren oder sogar spontan eigene Varianten gestalten.
Warum funktionieren sie?
Liberating Structures wirken, weil sie Meetingdynamiken bewusst umlenken:
Inklusion statt Dominanz: Jede*r hat Gelegenheit, Gedanken erst still zu reflektieren. Dann in kleinen Gruppen zu teilen, bevor alles offen ins Plenum kommt.
Vielfalt der Perspektiven wird mobilisiert: Auch vermeintlich „leise“ Stimmen kommen zur Wirkung.
Struktur im Kleinen: Die klaren Mikroabläufe verhindern Chaos, schaffen Orientierung und Sicherheit.
Schnelles Feedback und Reflexion: Viele LS sind „forgiving“. Sie lassen sich anpassen und trotzdem erhalten wir sinnvolle Ergebnisse.
Verteilte Verantwortung: Führung und Steuerung werden nicht mehr exklusiv von wenigen übernommen, sondern auf Teilnehmende verteilt.
Ein Beispiel: 1-2-4-All
Eine für mich tolle Methode, die ich häufig nutze, erst vor kurzem im Gruppencoaching mit meinen Spitzensportlern aus Oberstdorf wieder. Ein Format, welches illustriert, wie solche Strukturen praktisch wirken:
Ablauf (ca. 10 – 15 Minuten):
1 Minute: Jede Person reflektiert still für sich.
2 Minuten: Austausch in Paaren, in denen Gedanken erweitert oder geklärt werden.
4 Minuten: Zusammenschluss zu Vierergruppen, Austausch und Verdichtung.
5 Minuten: Jede Vierergruppe teilt mit dem Plenum eine Idee, die ihr wichtig erscheint.
Dieser Ablauf erzeugt Raum für viele Stimmen und bündelt Erkenntnisse systematisch, ohne dass einzelne dominieren.
Für mehr Formate der Liberating Structures kannst du hier mehr Lesen:
https://www.liberatingstructures.com/
Kritische Perspektiven & Grenzen
Damit LS wirkungsvoll sind, ist es wichtig, auch ihre Grenzen und Kritik zu kennen:
Wirklich übernahmslos?
LS fordern Führungskräfte auf, Kontrolle loszulassen. Für manche ist das ungewohnt und mit Unsicherheit verbunden.
Methodenversessenheit
Manche erleben es als lästig, ständig in Formate gezwungen zu werden („Immer 1-2-4-All, immer wieder“). Das kann zu Ermüdung führen.
Missbrauch von Struktur
In stark kontrollierten Organisationen könnten LS formal eingeführt werden, ohne dass echte Verantwortungsteilung stattfindet. Manchmal bleiben sie eher eine Style-Übung als wirklicher Wandel.
Nicht universell hoch wirksam
In komplexen Sachfragen oder wenn tiefes Expertenwissen erforderlich ist, reichen LS allein nicht aus. Sie müssen oft mit fachlicher Analyse oder Entscheidungsprozessen kombiniert werden.
Erfahrungsabhängigkeit
Wer neu mit LS arbeitet, tut sich oft schwer, passende Strukturen auszuwählen oder flexibel anzupassen. Übung und Reflexion sind entscheidend.
Einstieg & Anwendung
So kannst du LS Schritt für Schritt im Alltag einsetzen:
- Wähle eine passende Struktur
- Starte mit einfachen Formaten wie 1-2-4-All oder Impromptu Networking.
- Erkläre kurz den Ablauf
(„Wir nutzen eine Methode, bei der es darum geht, das jede*r zunächst seine Gedanken sammeln und wir dann in kleinen Gruppen darüber sprechen und uns austauschen …“)
- Starte kompakt: Schon 5–10 Minuten reichen oft aus, um die Wirkung zu spüren.
- Plane eine Nachbesprechung ein. Am Ende ist es wichtig zu erfahren: Was lief gut? Was wollen wir beim nächsten Mal anders machen?
- Weite es Langsam aus: Wenn erste Erfahrungen positiv sind, kannst du LS in größere Workshops, Projektmeetings oder strategische Sitzungen einführen.
Ressourcen:
Die Website liberatingstructures.com bietet alle Strukturen mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen.
Das Buch The Surprising Power of Liberating Structures liefert Erklärungen, Hintergründe und Praxisbeispiele.
Fazit
Aus meiner Erfahrung und Sicht zeigen Liberating Structures eindrücklich: Meetings und Workshops müssen weder langweilig noch ineffizient sein. Mit schlanken Strukturen lassen sich Beteiligung, Kreativität und Klarheit deutlich steigern.
Wenngleich: Sie sind kein Allheilmittel. Damit sie wirken, braucht es Offenheit, Übung und die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Wenn du in deinem Team spürst, dass mehr Potenzial da ist als geborgen wird, dann lohnt sich der erste Versuch mit einer Struktur.
Gerne unterstütze ich dich, dein Team oder Organisation darin, erste Erfahrungen mit den Tools von Liberating Structures zu sammeln und vor allem passende Strukturen für deinen Kontext und Herausforderungen auszuwählen. Schreib mir bei Interesse eine unverbindliche E-Mail und ich melde mich bei dir.
Hier findest du meine Kontaktseite.
Alles Liebe, dein Ben
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